gratis Counter by GOWEB
Landesverband der Gehörlosenvereine Bundessozialamt Landesstelle Tirol

Land Tirol

Europäische Sozialfonds
 
Taubstumm oder gehörlos?
Das Wort "taubstumm" wurde früher sehr häufig verwendet, doch mittlerweile wird es als Diskriminierung empfunden. Erstens sind Gehörlose nicht sprachlos, denn sie haben die Gebärdensprache und können, wenn es auch für sie sehr mühsam ist, sprechen lernen. Zweitens hängen die Wörter "stumm" und "dumm" stark zusammen und sind daher diskriminierend.
Gehörlose bezeichnen sich selber nie als "taubstumm" und möchten auch nicht so bezeichnet werden.
Ist die Gebärdensprache international?
Nein, die Gebärdensprache ist nicht international. Jedes Land hat seine eigene Gebärdensprache, so gibt es z.B. in Österreich die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS), in Deutschland die Deutsche Gebärdensprache (DGS), in Amerika die American Sign Language (ASL) und in Frankreich die Langue des Signes Française (LSF).
Es gibt sogar verschiedene Dialekte innerhalb einer Sprache, doch sie sind gut zu verstehen.
Der Grund, warum die Gebärdensprache nicht international ist, ist, dass die Gebärdensprache nicht "erfunden" wurde, sondern eine natürliche Sprache ist und sich im Laufe der Zeit natürlich entwickelt hat und sich auch jetzt noch weiterentwickelt. Genau so wie die Lautsprache.
Die Gebärdensprache ist eine vollwertige Sprache mit einer eigenständigen Grammatik, die sich am Raum orientiert.
Wie viele Gehörlose gibt es in Tirol?
In Tirol gibt es etwa 600 gehörlose Personen. Mehr als 1.200 Menschen benutzen aber die Gebärdensprache, um gut kommunizieren zu können.
Können Gehörlose den Führerschein machen und Auto fahren?
Erstens spielt das Hören beim Auto fahren nur eine geringe Rolle, denn alle Einsatzfahrzeuge mit Folgetonhorn haben auch ein Blaulicht, das man sehen kann und viele andere akustische Reize (Handy, Radio, etc.) lenken sogar mehr ab. Und zweitens haben Gehörlose eine bessere visuelle Wahrnehmung, weil sie es gewohnt sind, ihre Umgebung genau zu betrachten.
In einer Statistik ist sogar bewiesen, dass Gehörlose weniger Unfälle bauen als Hörende.
In welche Schulen gehen Gehörlose?
In Tirol gibt es das "Zentrum für Hör- und Sprachpädagogik" in Mils bei Hall, in welchem die Kinder nach dem "Lehrplan für gehörlose Kinder", allerdings nicht in Gebärdensprache, unterrichtet werden.
Die meisten Kinder werden bereits im Volksschulalter in eine Regelschule mit hörenden Kindern integriert.
Nach dem Abschluss der jeweiligen Pflichtschulzeit, können Gehörlose eine weitere Schule (z.B. Berufsschule, Gymnasium, HTL,…) besuchen. Oft werden sie dabei von einem Dolmetscher begleitet, der ihnen den Unterricht in Gebärdensprache dolmetscht. Der Dolmetscher ist aber kein Stütz- oder Nachhilfelehrer, der gehörlose Schüler muss auch alle Prüfungen alleine schreiben!
Bisher haben es leider nur wenige Gehörlose bis an die Universität geschafft, was nicht an fehlender Intelligenz, sondern unzureichenden Rahmenbedingungen liegt.
Kulturgemeinschaft der Gehörlosen?
In Tirol gibt es mehrere Gehörlosenvereine, die im Landesverband zusammengeschlossen sind. Dieser ist wiederum mit anderen Landesverbänden an den Österreichischen Gehörlosenbund angeschlossen. Jeden Monat finden verschiedene Veranstaltungen und Treffen in diesen Vereinen statt. Zu bestimmten Anlässen werden auch Theaterstücke in Gebärdensprache aufgeführt.
Vor einiger Zeit konnte man sich im Kino den Film "Gehörlos - eine Minderheit stellt sich vor" ansehen, in dem ausschließlich Tiroler Gehörlose mitwirkten.
Doch auch international gibt es viele Veranstaltungen in deren Mittelpunkt die Gebärdensprache steht, wie z.B. die Kulturtage der Gehörlosen.
Das Vereinsleben ist für die meisten Gehörlosen sehr wichtig, da sie hier in ungezwungener Atmosphäre und in Gebärdensprache kommunizieren können, was ihnen ansonsten im Berufsleben oder anderer Freizeit oft verwehrt bleibt.
Wie werden Gehörlose in der Früh geweckt?
Es gibt zwei Möglichkeiten: den Blitzlicht- und den Vibrationswecker.
Beim Blitzlichtwecker blitzt zur eingestellten Zeit die sehr helle Lampe des Weckers auf.
Der Vibrationswecker wird unter den Kopfpolster gelegt und beginnt zur Weckzeit zu vibrieren, ähnlich wie ein Handy.
Wer sind CODA?
CODA ist eine Abkürzung und steht für Children of Deaf Adults = Kinder von gehörlosen Erwachsenen.
Das sind also Kinder, deren Eltern gehörlos sind. Sie wachsen mit zwei Sprachen (der Gebärdensprache und der Lautsprache) auf und leben in zwei Kulturen (der Gehörlosenkultur und der Hörendenkultur).
Was ist der Unterschied zwischen "gehörlos" und "schwerhörig"?
Dieser Unterschied spielt hauptsächlich in der Medizin eine Rolle. Für die Gehörlosen selber ist es unerheblich, welchen Hörstatus jemand aufweist. Wichtiger sind die Gebärdensprachkompetenz und die Identifikation mit der Gehörlosengemeinschaft.

Einige Personen mit Hörverlust können mit Hilfe von Hörgeräten die gesprochene Sprache wahrnehmen und verstehen und sogar telefonieren. In der Medizin werden diese Personen als leichtgradig schwerhörend oder mittelgradig schwerhörend bezeichnet.

Viele können aber auch trotz Hilfe eines Hörgerätes die gesprochene Sprache nicht wahrnehmen und verstehen und somit auch nicht telefonieren. Diese Personen werden als hochgradig schwerhörend eingestuft.

Nichtsdestotrotz lernen auch leichtgradig Schwerhörende die Gebärdensprache, um einfacher kommunizieren zu können.

Medizinisch gesehen hat fast jeder "Gehörlose" noch einen Hörrest, der oft jedoch so minimal ist, dass nicht einmal Geräusche richtig wahrgenommen werden können, ganz zu schweigen von gesprochener Sprache.
Ausbildung zum Gebärdensprachdolmetscher?
Grundvoraussetzung ist eine gute Beherrschung der Gebärdenssprache und des Deutschen. Die Gebärdensprache kann in Tirol in Kursen, wie sie z.B. vom Landesverband der Gehörlosen angeboten werden, erlernt werden. Diese Kurse werden von Gehörlosen selbst abgehalten.
Erst dann ist es sinnvoll eine Ausbildung zu beginnen, etwa als Studium an der Universität Graz oder im Lehrgang "Achtung-Fertig-Los", der vom Österreichischen Gebärdensprach-DolmetscherInnen-Verband (ÖGSDV) organisiert wird. Parallel zur Ausbildung sollten Praktika mit erfahrenen DolmetscherInnen absolviert werden. Nach erfolgreichem Abschluss einer Ausbildung ist es möglich, bei der Berufseignungsprüfung, welche zweimal im Jahr vom ÖGSDV durchgeführt werden, anzutreten.
2008-12-20